„KI hilft, Informationen in Entscheidungen zu gießen“

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Big Data – mit diesem Thema hat sich Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Internet Governance and Regulation am Oxford Internet Institute, bereits vor über sechs Jahren in seinem gleichnamigen Bestseller auseinandergesetzt. Im Interview äußert er sich dazu, welche positiven und negativen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft zu erwarten sind – je nachdem, wie Daten künftig genutzt werden.

Wie schätzen Sie das Thema Big Data und Datennutzung heute ein – sind Sie eher Optimist oder Pessimist?

Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger: Als mein Co-Autor Kenneth Cukier und ich 2013 Big Data als neues Zeitalter proklamiert haben, das bessere Entscheidungen ermöglicht, haben uns viele für verrückt erklärt. Heute ist das für wesentliche Teile unserer Wirtschaft und Gesellschaft längst Realität geworden. Was wir damals noch nicht vorhergesehen hatten, ist, dass die Verbesserungen und das Lernen aus den Daten keinesfalls den Menschen vorbehalten sind. Datenanalyse wird über künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning zunehmend zu einer Domäne, in der Maschinen große Fortschritte erzielen: Sie haben sich zu Entscheidern – oder zumindest zu Entscheidungsbeeinflussern – entwickelt.

Woran hakt es noch bei der Nutzung dieser Technologien?

Mayer-Schönberger: Was hinter der Technologie hinterherhinkt, ist das Mindset vieler Unternehmen, das sich ebenso wie die Möglichkeiten der Datenauswertung erweitern müsste, um das volle Potenzial auszuschöpfen.

Dank der Aufklärung haben wir viel Erfahrung darin, Entscheidungen überwiegend auf Basis von Fakten zu treffen und haben damit über die Jahrhunderte unsere Lebensqualität verbessert. Jetzt –da Daten theoretisch bei jeder Art von Entscheidungen helfen könnten – stehen wir allerdings vor der Frage: Wie viel Aufklärung möchten wir haben? Denn Daten können durchaus auch zutage bringen, wie ineffizient, fehlerhaft, subjektiv wir urteilen. Hier dürfen wir ruhig etwas mehr Selbstvertrauen zeigen und zu unseren (menschlichen) Fehlern stehen.

Sie sagen – in Vorträgen als auch in Ihren Büchern – dass die Bedeutung von Kapital durch digitale Technologien abnehmen wird. Was ist die Grundidee dahinter?

Mayer-Schönberger: Unser Zusammenwirken und -arbeiten in den meisten modernen Gesellschaften wird vor allem von einer Institution bestimmt: dem Markt mit seiner dezentralen Struktur, durch die Innovation erst möglich wird. Der Markt hat den Vorteil, dass nicht alle Marktteilnehmer das gleiche Ziel haben müssen; sie treffen daher unterschiedliche Entscheidungen. Das fördert Vielfalt. Aber gleichzeitig müssen dafür viele Informationen kommuniziert und in Entscheidungen umgegossen werden – von jeder und jedem. Das überfordert uns. Deshalb haben wir im analogen Zeitalter die Informationsflut am Markt eingedämmt und fast alles über den Preis entschieden. Dank der digitalen Transformation haben wir nun aber die Möglichkeit, den richtigen Transaktionspartner am Markt nicht bloß über den Preis sondern über viel mehr Eigenschaften und Präferenzen zu finden. Das reduziert die Rolle des Preises und damit die Macht des Kapitals. In diesem neuen besseren Markt können wir mit reichen, vielfältigen Daten besser entscheiden – zum Besten des Verbrauchers.

KI und maschinelles Lernen können dabei helfen, den „Flaschenhals“ Mensch zu erweitern und die riesigen Mengen an Informationen in sinnvolle Entscheidungen zu gießen – sie assistieren also bei der Entscheidungsfindung.

Welche negativen Effekte können daraus entstehen – und wie lässt sich diesen entgegenwirken?

Mayer-Schönberger: Eine Gefahr ist die Marktkonzetration, wenn einige große Privatunternehmen fast alle Daten besitzen, die Informationsflüsse kontrollieren – und auch noch die datengetriebene künstlichen Entscheidungsassistenz anbieten. Ich wünsche mir stattdessen datenreiche Märkte, in denen ich mir „meinen“ Empfehler aussuchen kann, zum Beispiel einen neutralen Entscheidungsassistenten der Stiftung Warentest. Heute ist dies nicht möglich, weil Dritte in der Regel nicht genügend Trainingsdaten zur Verfügung haben.

Es scheitert also an der fehlenden Zugänglichkeit von Daten. Und genau da müssen wir ansetzen: Die Datenmonopolisten dazu bringen, dass sie ihre Datenschätze teilen – so dass (europäische) Mitbewerber, aber auch kleine und mittlere Unternehmen und Start-ups aus diesen Daten lernen können. Nur so erreichen wir mehr Wettbewerb, mehr Innovation und Vielfalt – und letztlich einen Mehrwert für den Verbraucher.

Wie lässt sich aber die Brücke schlagen zwischen Wirtschaftlichkeit und Daten als Allgemeingut?

Mayer-Schönberger: Der Druck, die Daten teilen zu müssen, hat auch Vorteile für die Unternehmen, die sie besitzen: Es erhöht den Druck die Daten selbst zu nutzen. Denn unsere Welt ist noch gar nicht so datengetrieben wie wir glauben. 85 Prozent aller in Europa gesammelten Daten werden nicht ein einziges Mal verwendet. Und das ist riesige Verschwendung, ein Verlust an Wissen und Entscheidungskraft. Dem lässt sich nur mit wirtschaftlichen Anreizen entgegenwirken – indem Daten (natürlich entpersonalisiert) anderen zugänglich gemacht werden.

Bestes Zeichen dafür, dass diese Konzentrationstendenzen für Wirtschaft und Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen, ist die Tatsache, dass sich auch die Politik immer mehr damit befasst – und zwar in Form von verschiedenen Expertenkommissionen, die das verpflichtende Zugänglichmachen von Sachdaten sehr ernsthaft prüfen. In den USA etwa hat das National Institute of Health (NIH) gemeinsam mit VCs ein Projekt gestartet, bei dem Gentechnologieunternehmen nur dann Risikokapital bekommen, wenn sie sich im Gegenzug verpflichten, ihre Daten anderen zugänglich zu machen. Insofern ist es keine Überraschung, dass sich EU-Kommissarin Margrethe Vestager ebenfalls in diese Richtung geäußert hat.

Wie sehen Sie das Thema Ethik in diesem Zusammenhang?

Mayer-Schönberger: Wichtig ist, dass die Nutzung von Daten von Grundwerten geleitet ist. Denn ein Whitewashing, wie es manche Unternehmen betreiben, indem sie Ethik-Beiräte schaffen, greift zu kurz. Stattdessen ist echte Corporate Social Responsability gefragt, die es ja nicht erst seit der Digitalisierung gibt und die das Thema Ethik in der Wirtschaft in einer sehr viel holistischeren Art und Weise formuliert. Hier haben wir in Europa, wo wir seit Jahrhunderten wertorientiert entscheiden, ein Alleinstellungsmerkmal: Wenn die USA dem Turbodatenkapitalismus fröhnen und in China eine Art Datenstaatskapitalismus herrscht, dann haben wir in Europa den werteorientierten Datenmarkt. Letztlich sind wir in unseren Entscheidungen dann nicht mehr bloß evidenzbasiert, sondern auch wertegeleitet. Das ist der große Fortschritt.

Erfahren Sie mehr zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung in der Podcast-Serie KI Kompakt. Hier können Sie auch das komplette Interview mit Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger anhören.

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About Author

Andreas Gödde

Director Business Analytics

Andreas Gödde is specialist for strategies around Big Data Analytics, Digitalization and Internet of Things, helping organizations to get insights from data for business decisions. He leads the presales organization for Business Analytics of SAS in Germany, Austria and Switzerland. Andreas has a 25 years background in advising companies around Business Intelligence, Data Warehouse and Big Data concepts and projects. Andreas graduated in business informatics in Mannheim. He joined SAS in 1994 helping developing and growing the professional services organization in different management roles. In 2006 he moved to the presales organization building up teams for technical and strategic advisory for customers and for emerging technologies and trends like Big Data and the Internet of Things. Before joining SAS he worked for BASF in Ludwigshafen.

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