Bin ich der Igel? AI#16

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Diego Kuonen ist statistischer Ingenieur und seit nahzu 20 Jahren in einem Versuch gefangen. Er experimentiert nämlich an nachhaltiger Datenkultur herum. Vor allem proklamiert er das bei seinen Studentinnen. „Die sollen was für ihre Zukunft mitnehmen. Nicht nur harte Fakten.“ Diego Kuonen will nämlich unser aller Datenbewusstsein schärfen und einen verantwortungsvollen Umgang mit ihnen evozieren.

Und beinah dachte er, ihm bliebe nichts anderes übrig, als aufzugeben. Doch wie so oft, ist es auch in diesem Fall anders gekommen. Denn jetzt scheinen alle wie von der digitalen Tarantel gestochen worden zu sein und agieren hyperdigital. Hyperdigital ist, wenn Digitalisierung falsch verstanden wird und in irgendeinen nicht fassbaren Aktionismus mündet. In diesen Tagen kommen viele ja zum ersten Mal mit Onlinekonferenzen in Berührung. Diese Tools werden in epischer Breite erläutert, wie das Telefon vor über 100 Jahren. Derjenige, der es heute schafft, bei der Videokonferenz Kamera und Ton ein- und auszuschalten, ist digital.

 Prof. Dr. Diego Kuonen, CEO Statoo Consulting und Professor für Data Science (Datenwissenschaft) an der Geneva School of Economics and Management der Universität Genf, Schweiz

Prof. Dr. Diego Kuonen, CEO Statoo Consulting und Professor für Data Science an der Geneva School of Economics and Management der Universität Genf (CH)

(S)ein Wunschdenken

Für Schulen mag das stimmen. Doch für Unternehmen und Staaten nicht. Jetzt zeigt sich das wahre Gesicht, inwiefern Digitalisierungsbemühungen aus der Vergangenheit geglückt sind, findet Kuonen. Und er stellt ein ernüchterndes Zeugnis aus, hegt aber gleichzeitig ein ganz besonderes Wunschdenken.

Er hofft nämlich, dass klassische Datenlieferanten von schlichten Aufbereitern zu verlässlichen staatlich geprüften Lieferdiensten mutieren. Was meint er damit? „Wir können den statistischen Bundesämtern bald die Verantwortung übertragen, dass sie uns mit sauberen Daten und verifizierten Fakten versorgen, damit wir bei einer nächsten Krise eine vertrauenswürdige Basis für unsere Entscheidungen haben.“

Statistikämter, die großes Vertrauen in der Bevölkerung genießen, könnten ihr höchstes Gut für probate Was-wäre-wenn-Szenarien und andere Erkenntnisgewinne aus Daten freigeben und Staatsdienstleister werden mit all ihrer Expertise und würden ganz nebenbei eine gesunde Datenkultur beflügeln.

Ahnen wir etwas? Genau. Diego Kuonen will auf Datenexzellenz hinaus, die Basis für eine gute Datenkultur. Und diese Krise zeige, dass die eben noch nicht vorhanden ist. Homeoffice, Homeschooling und Homechurching sind ein Spiegelbild für eine nicht vorhandene Vorbereitung. „Da wurden weder Schüler, Eltern, Lehrer oder Geistliche gefragt, ob sie überhaupt die entsprechenden Fähigkeiten und Infrastruktur zu Hause haben. Nein, die mussten einfach machen. Das ist genau die Parallele, die ich ziehe, zu dieser digitalen Transformation. Jeder möchte jetzt datengetrieben werden. Ich muss aber erstmal die Vorarbeit machen, sonst klappt das nicht. Dass wir gar keine solide Schicht drunter hatten, fällt uns jetzt auf die Füße.“

Tabuzone Datenkultur

Digitale Transformation erfordert demnach eine Transformation im Denken. „Ich muss die Menschen mitnehmen, ich muss eigentlich eine Kultur der kritischen Mündigkeit bei den Datenbenutzern beziehungsweise Datengebern etablieren. Diese neue Form der Kultur muss zulassen, dass Datengeber abschätzen dürfen, warum gerade hier und nicht da ihre Daten benutzt werden. Es muss ihnen erlaubt sein, kritisch zu hinterfragen, ob die eigenen Daten überhaupt etwas nützen würden.“

Er sagt, wir müssen also den Blickwinkel ändern. Bevor wir überhaupt eine Transformation ins Digitale in Betracht zögen, müssten wir erst unsere Einstellung dazu mal gehörig transformieren: „Nicht: Wir haben die bestmöglichen Produkte, die aus Daten kommen, sondern wir haben zu jeder Frage die bestmöglichen Daten. Das ist echte Datenkultur, eine gesunde Einstellung zum Wert von Daten. Von da aus können wir dann losziehen in die unendlichen Tiefen aller Datenmöglichkeiten.“ Doch das ist bei den meisten Unternehmen absolute Tabuzone; erst recht in der Gesellschaft.

Und noch länger könne man übrigens nach dem Willen einer digitalen Selbstbestimmung suchen. Das kapiere überhaupt keiner. Nein, es müsse auch in Sachen Daten wie bei anderen sehr komplexen ethischen Grundfragen zugehen: Mein Bauch gehört mir –  meine Daten gehören mir. Das ist und bleibt ein Privat- und Grundrecht.“ Corona sei der Booster für diese Form der längst überfälligen Sensibilisierung in den Köpfen aller Datenspender. Und das freut Kuonen: „Beim Runterladen einer kostenlosen App haben wir bislang stillschweigend unser Einverständnis gegeben, dass die Betreiber mit unseren Daten machen können was sie wollen. Das geht nicht.“

Der Datenfreiheitskämpfer dachte ja, er müsse aufgeben. Doch er irrte. Denn jetzt darf er zarte Bemühungen der Politik zu echten faktenbasierten Entscheidungen perzipieren. Er glaubt, dass die Awareness zu dem Thema Datenkultur jetzt da ist. Und so wagt er sogar einen Blick in die Zukunft. Vielleicht seien alle homeofficesatt und haben genug von den digitalen Meeting-Plattformen.

Was wäre Ihnen jetzt wichtig? „Man sollte einen Schritt zurückgehen, um die Diskussion über die digitale Transformation neu im Lichte der Datenmündigkeit, der digitalen Selbstbestimmung zu betrachten. Es sind doch diese Grundzugaben, die der Diskussion bislang fehlten. Es mangelte an Aufklärung. Nun haben wir die Chance, eine wirkliche Datenkultur wachsen zu lassen. Und vielleicht wollen wir gar nicht mehr der Hase, sondern der Igel sein."

Jetzt sei auch die Zeit der guten Beispiele gekommen, so Kuonen, die den nachfolgenden Generationen helfen würden. Jedermann weiß jetzt, was Daten sind und wie sie verwendet werden können. Corona wird ein Stellvertreterbegriff für diese ganze Sache. „Mein Jüngster, der ist bald vier Jahre, der spricht drei- oder viermal am Tag das Wort Corona aus. Also, der Name ist irgendwie im Kopf von jedem Bürger.“

Diego Kuonen ist statistischer Ingenieur und seit nahzu 20 Jahren in einem Versuch gefangen. Er experimentiert an nachhaltiger Datenkultur herum. Damit begannen wir. Er ist nun ein befreiter Geist, der echtes Potenzial für seine Mission sieht. Und zum Schluss noch ein Gedanke, Herr Kuonen: Wie geht es eigentlich dem Hypethema KI? Da redet grad kaum einer mehr von. „Kann sein, dass die erst mal in der Hintergrund gerät. Denn auch KI braucht eine Datenkultur und all die anderen Voraussetzungen. Die Lehrerin „Leben“ hat uns erst einmal genug Hausaufgaben erteilt, die wir machen müssen, wenn wir aus dem Homeoffice wieder zurück ins "new normal" gehen.“

Danke für das Gespräch, Diego Kuonen!

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Andrea Deinert

Journalist // Blogger for AI and Data Science // Data Science Community Liaison // Academic Liaison || Portrait opinion leaders from politics, society and research to reveal the meaning of AI and ethics for future society.

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