Was die Digitalisierung häufig ausbremst

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Digitalisierung: Konflikte, Kompetenzgerangel & Gräben zwischen etablierter und neuer Welt
„Wir haben einen Data Lake, wer braucht heutzutage noch ein DWH? Das ist doch total antiquiert, ein Auslaufmodell.“

Solche und ähnliche Sätze höre ich in meiner Beratungstätigkeit bei Kunden häufig. Dynamische Analytics- und Digitalisierungsteams stehen vor den aus ihrer Sicht antiquierten und dringend überholungsbedürftigen Bestandssystemen. In der Auseinandersetzung mit den Hütern der bisherigen Systeme prallen Ansichten und Arbeitsweisen aufeinander – und leider häufig auch die handelnden Personen. Konflikte, fehlender Respekt und Geringschätzung sind verbreiteter, als offiziell zugegeben wird. In manchen Häusern existieren regelrechte Gräben zwischen etablierter und neuer Welt.

Sie zu ignorieren kann teuer werden, denn durch ineffizientes Kompetenzgerangel geht viel Energie verloren. Nicht selten liegt genau darin die Ursache für enttäuschende Projektergebnisse.

Wo liegt die Ursache? Ich glaube, alle Beteiligten wollen das Beste für ihr Unternehmen. Das Problem ist, dass jede Partei meint, den richtigen Weg zu kennen und ihn durchzusetzen versucht. Dabei wird gerne vergessen, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt, sondern am Ende nur das beste Ergebnis zählt. Und dazu werden sowohl neue Ideen als auch etablierte Prozesse benötigt.

Eine Hauptursache für Konflikte sind die unterschiedlichen Erfahrungen und Ziele der Teams. Einerseits geht es um neue Ideen, Innovation und eine flexible, fehlertolerante Arbeitsweise, andererseits liegt der Schwerpunkt auf der Kosteneffizienz und der Automatisierung. Operative Prozesse müssen nahezu fehlerfrei laufen, dafür haben die Betriebsverantwortlichen geradezustehen. Kein Wunder, dass Verantwortliche mit Misstrauen reagieren, wenn jemand mal schnell etwas ausprobieren will.

Auch die Altersstruktur und die Dauer der Betriebszugehörigkeit sind ein Thema. In den Digitalisierungsteams sind häufig agile, dynamische und junge Mitarbeiter zu finden. Einen hohen Anteil machen gewöhnlich Uni-Absolventen aus, die mit viel Freude am Ausprobieren neuer Dinge und mit aktuellem Technologie Know-how an die Sache herangehen, aber auch mit fehlender Erfahrung im Kerngeschäft und in den Unternehmensprozessen. Ganz anders sieht es bei Experten für die etablierten und effizienten Systeme aus, die zum Beispiel Datenqualität und Hierarchien im Data Warehouse (DWH) sicherstellen.

Die Finanzierung trägt auch ihren Teil zu Konflikten bei. Für innovative Projekte und Modernisierung fließt ein Großteil der vorhandenen Budgets in Digitalisierungsteams und Big Data Labs. Verantwortliche für Bestandssysteme haben vor allem Einsparziele und die Betriebsverantwortung vor Augen, die wenig Raum und Ressourcen für kreative Ideen lassen. Für sie geht jeglicher Spielraum für Experimente verloren, Innovation findet quasi anderswo und ohne ihre Mitwirkung statt. Hier sind Konflikte vorprogrammiert.

Ich frage mich immer wieder, wieso sind es eigentlich zwei Seiten? Geht es nicht um verschiedene Schritte in einer Prozesskette?

Digitalisierung bedeutet, Neues zu wagen, und nicht jede Idee führt zu einem brauchbaren Ergebnis. Um herauszufinden, welche Idee einen echten Mehrwert liefert, müssen Szenarien in der Praxis verprobt werden. Praxis bedeutet: im operativen Prozess. Das sogenannte „Fast fail“, also nicht funktionierende Ideen schnell zu verwerfen, funktioniert nur, wenn auch operative Prozesse agil angepasst werden können. Die Mitarbeiter brauchen Gewissheit, dass Fehler und Irrtum möglich sind. Überprüfen Sie selbst:

Wieviel „Fast fail“ ist in Ihren Betriebsprozessen und für Ihre Mitarbeiter tatsächlich möglich?

Erarbeitet ein Data Scientist im Lab beispielsweise ein neues Betrugserkennungsmodell oder ein Modell zur besseren Qualitätsvorhersage in der Produktion, muss dieses Modell schnell und möglichst automatisiert in einen produktiven Prozess gebracht werden können, ohne dass die Stabilität dieses Prozesses aufs Spiel gesetzt wird. Die Score-Ergebnisse müssen für Sachbearbeiter, einen Ingenieur oder einen Operator effizient nutzbar sein. Sie müssen wissen, wie sie neue Erkenntnisse umsetzen sollen. Wenn sie den Ergebnissen nicht vertrauen und ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden, verpufft die beste Optimierung. Wer den Erfolg sicherstellen will, braucht die Prozess-Experten. Auch sie benötigen Innovationsbudget, um mit der bestmöglichen Umsetzung experimentieren zu können.

Meiner Ansicht nach werden Unternehmen nur dann dauerhaften Erfolg haben, wenn sie es schaffen, ihre Kultur zu hinterfragen und mit gegenseitigem Respekt und einer konstruktiven Auseinandersetzung gemeinsam an der Zukunft arbeiten.

Das klingt selbstverständlich, wer wollte das nicht? Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass es genau daran oft hapert. Hier helfen nur eine schonungslos ehrliche Analyse und die Bereitschaft, zukünftig anders miteinander zu arbeiten. Doch das klappt nicht von alleine.

Es hilft, sich bewusst zu machen, dass Digitalisierung Geschwindigkeit erfordert, um sich im Markt Vorteile zu sichern. Das kann nicht durch ein Team oder eine Abteilung allein bewältigt werden. An der Digitalisierung müssen alle mitarbeiten und gestalten. Das erfordert unter anderem eine lebendige Kommunikation, Vertrauen, Koordination, Disziplin und Offenheit.

Was heißt das in der Praxis? Ein interessantes Beispiel zum Thema Entscheidungsfindung und den Herausforderungen, Ergebnisse aus einem Lab in die Produktion zu bringen, gibt Dr. Olaf Zeitnitz.

Es geht nicht darum, wer Recht hat und auch nicht um die entsprechende Entscheidungskompetenz. Es geht darum, was in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden kann, und dass diejenigen darüber entscheiden, die die Kompetenz dazu haben. Geht es wie im eben genannten Beispiel um ein Angebot für junge Interessenten, sollten auch junge Mitarbeiter die Entscheidung treffen dürfen.

Eine neue Art der Zusammenarbeit wird nötig und zwar im Projektalltag, nicht nur auf strategischer Ebene. Diese Erkenntnis ist vielleicht nicht neu, doch die Herausforderung ist, sie mit Leben zu füllen und sie im Unternehmen zu verankern.

Die Kultur zu verändern bedeutet, neu zu denken, bisherige Entscheidungsfindungsprozesse zu hinterfragen. Dazu gehört, Konflikte oder Emotionen nicht als Störfaktoren zu sehen. In ihnen liegt die Chance, etwas Neues, Lebendiges zu schaffen. Um Konflikte und Emotionen sinnvoll zu nutzen, werden neue Arten der Kommunikation nötig. Dazu sind professionelles Konfliktmanagement und moderne Prozesse unumgänglich. Nicht der Stärkere sollte gewinnen, sondern die Ideen aller müssen gehört und gleichwertig behandelt werden.

Die Geduld und der Einsatz lohnen sich. Sie werden erstaunt sein, was alles in Ihren Mitarbeitern steckt.

Moderne Unternehmen haben solche Skills bereits in ihren Teams verankert. Oder sie können zumindest in der Personalentwicklung auf erfahrene Inhouse-Coaches zählen, die bei Bedarf durch externe Berater unterstützt werden. Nun geht es darum, diese Fähigkeiten im Alltag zu nutzen, für bessere Ergebnisse, begeisterte Kunden und zufriedene Mitarbeiter.

Digitalisierung ist nicht nur eine Herausforderung für die IT. Es wird die Art der Zusammenarbeit verändern.

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Karen Prillwitz

Ich unterstützte Produktions- und Retail-Kunden auf ihrem Weg in Richtung Digitalisierung, IoT, Industrie 4.0 und Big Data Analytics. Davor habe ich über viele Jahre als Technical Account Manager Versicherungsunternehmen bei der Umsetzung Ihrer Business Analytics Themen begleitet. Als nebenberuflicher Coach ist eines meiner Schwerpunktthemen die Lösung von Konfliktsituationen.

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