Eine Ära geht zu Ende – Oberbürgermeisterwahlen in der Stadt mit Herz

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Wahlen sind ein beliebtes, aber auch kontrovers diskutiertes Thema. Es erregt Gemüter, liefert Diskussionsstoff und polarisiert Meinungen. Insbesondere Präsidentschaftswahlen oder Parlamentswahlen sind für Medien wie Volk gleichermaßen von großem Interesse. Aber auch Kommunalwahlen haben durchaus ihren Reiz. Vor allem wenn sie eine nahezu historische Bedeutung haben und eine Ära zu Ende geht. Wie in diesen Tag bei den Oberbürgermeisterwahl in München.

Ratio CSU/SPD Wahlkreise[Bild 1 - JMP Graph Builder: Benutzerdefinierte Karte der vier Münchner Wahlkreise der Bundestagswahl 2013, eingefärbt nach dem Stimmverhältnis der Parteien CSU/SPD; Werte über 1 bedeuten Mehrheit für CSU, je schwärzer desto größer der Vorsprung der CSU vor der SPD]

Die weltberühmte Weltstadt mit Herz wurde 2007 und 2010 zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt (Monocle, Magazin in GB*). Und genau hier stehen am 16. März 2014 die Wahlen zum Oberbürgermeister an. Das allein ist nun nicht weiter besonders. Wohl aber, dass der amtierende sozialdemokratische Bürgermeister Christian Ude nach über 20 Jahren Amtszeit aus Altersgründen in 2014 nicht mehr kandidieren darf. So steht die Suche nach seiner Nachfolge an, wer wird die Amtsgeschäfte der Weltstadt mit Herz künftig lenken?

Die auf Republik und Länderebene wieder erstarkte konservative Partei CSU (siehe Bild 1 und 2) wittert derzeit ihre Chance. Wird es eine Wachablösung in München geben und die nahezu unbefleckte „rote“ sozialdemokratische Herrschaft auf kommunaler Ebene ein Ende haben? Unter Oberbürgermeister Ude war dies undenkbar, wie auch die vergangenen lokalen Wahlergebnisse zeigen (siehe Bild 3).  Darum schaut am 16. März ganz Bayern auf seine Hauptstadt: München, die grüne Stadt des Oktoberfestes, des Bieres, der Weißwurst und der Gemütlichkeit.

 [Bild 2 – JMP Graph Builder: Balkendiagramm der Anzahl der Erststimmen (links) und der Zweitstimmen (rechts) nach Partei pro Münchener Wahlkreis der Bundestagswahl 2013, nur Parteien der Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl 2014]

Ein Blick zurück

Lassen Sie uns zusammen in die Vergangenheit blicken: München war bis auf zwei Legislaturperioden seit der Nachkriegszeit „rot“, die Farbe der SPD (Bild 3). Direkt nach dem Krieg wurde Karl Scharnagl, CSU, von der amerikanischen Besatzungsstreitmacht als Oberbürgermeister eingesetzt und wurde bereits 1948 von Thomas Wimmer, SPD, durch eine Stichwahl im Stadtrat abgelöst.

Seit dieser Zeit blieb das Amt in der Hand der SPD, bis auf eine Ausnahme nach der Wahl 1978, in der Erich Kiesel von einem Kandidatenwechsel innerhalb der SPD zur Wahl 1978 profitieren konnte. Bereits in der nächsten Wahl 1984 holte der bereits 1972 gewählte Georg Kronawitter, SPD, für den 1978 enttäuschenden Max von Heckel das Amt zurück in die Hand der SPD.

 

[Bild 3 – JMP Graph Builder: Übereinander angeordnetes Diagramm: prozentuales Wahlergebnis der größeren (oben) und kleineren (mitte) Parteien, sowie der Wahlbeteiligung in Prozent (rechts) über alle Oberbürgermeisterwahlen seit 1952]

Seit 1993 regiert nun Christian Ude, ebenfalls SPD. Insgesamt viermal nun hat er dieses Amt inne, die letzten drei Male mit jeweils weit über 60% der Stimmen. Wenngleich die Wahlbeteiligung zuletzt unter mageren 50% lag, konnte er seine Kandidatur stets erfolgreich verteidigen. Waren die Münchner vor vier Jahren wahlmüde oder fehlte es an geeigneten Alternativen? Wie auch immer, schauen wir nach vorne.

Ein Blick in die Gegenwart

Der Wahlkampf ist viel allgegenwärtiger als bei den letzten Wahlen, Münchner Zeitungen veranstalten gar zwei Fernsehduelle der 4 Hauptkandidaten: Dieter Reiter (SPD), Josef Schmid (CSU), Sabine Nallinger (Grüne) und Michael Mattar (FDP). Daneben treten noch Brigitte Wolf (Die Linke) und Tobias Ruff (ÖDP) an. Aufgrund der Wahlhistorie gelten jedoch alle bis auf die Kandidaten der SPD und CSU als Aussenseiter. Dennoch sollte man die anderen Kandidaten nicht allzu klein reden. Denn es hat sich einiges in den letzten Jahren geändert.

München wächst. Gleichzeitig wächst der Unmut seiner. Im ersten von zwei Fernsehduellen sprachen sich alle vier Kandidaten für einige „Problemzonen“ von München aus und bezeichneten diese als höchst dringlich. Immer wieder verlauten Stimmen über die unzureichenden Wohnungssituation und verweisen dabei auf die SPD. Auf der anderen Seite wird bei Themen wie die überfüllten Gymnasien in München zu wenig gemacht. Hier könnte jedoch der Konflikt der Stadt, SPD geführt, mit dem Land Bayern, CSU regiert, eine nicht unwichtige Rolle eingenommen haben.

Ob dies die Wähler bewegen wird eine Änderung in Münchens Regierung bzw. der Person des ersten Oberbürgermeisters herbeizuführen, wäre bei Betrachtung der „roten“ Vergangenheit vielleicht ein wenig überaschend. Ein derart klares Ergebnis wie bei den letzten drei Oberbürgermeisterwahlen würde ich, als geborener Münchner, allerdings trotzdem nicht erwarten.

[Bild 4 – JMP Cluster Analyse mit Dendogramm (links) und Paralleldiagramm (rechts): Einteilung des Wahlverhaltens der Wähler aus den 883 Stimmbezirke für die Stadtratswahl 2008 in insgesamt 8 Cluster]

Ein Blick in die Zukunft:

Wenn ich meinen Blick erneut schärfe und in die einzelnen der über 800 Stimmbezirke werfe erkenne ich darin ein leicht unterschiedliches Wählerverhalten. Bei der Betrachtung der Daten aus 2008 von der Stadtratswahl, die jeweils gleichzeitig mit der Obberbürgermeisterwahl stattfindet, lassen sich mittels einer Clusteranalyse die Stimmbezirke in Gruppen mit ähnlichem Wählerverhalten zusammenfassen.

Man erkennt anhand eines Paralleldiagramms (siehe Bild 4) deutlich, dass es trotz ähnlichen Gesamttrend  (CSU, SPD streiten sich um die ersten Plätze) teils interessante Unterschiede in den einzelnen Stimmbezirksgruppen gibt. So kristallisiert sich bspw. Die eine oder andere Stimmbezirksgruppierung heraus, in welchem die Grünen auf Augenhöhe oder sich gar über den Stimmen der CSU befinden (Cluster 2 und 3). Ob das für einen grünen Oberbürgermeister reicht ist eher unwahrscheinlich. Es könnte jedoch den Grünen etwas näheren SPD nötige Stimmen kosten und der CSU somit indirekt den Rücken stärken.

Dieses Zusammenspiel der Parteien kann man auch mit einer Multivariaten Analyse gut verdeutlichen. Besonders interessant wird es bei Einbeziehen der vorherigen Clustereinteilungen (Bild 5). So kann man feststellen, dass in den Gruppen 1,2 und 4 die Anzahl an Wählern der SPD und der Grünen positive korreliert ist (gestreckte Punktewolke von links unten nach rechts oben), während CSU und SPD nicht voneinander abhängig sind (kreisförmige Ellipse um die Datenpunkte). Die inversen Gruppen aus  Stimmbezirken hingegen zeigen ein deutlich anderes Verhalten. In den Clustern 3, 5, 6, 7 und 8 erkennt man eine positive Korrelation sowohl zwischen CSU und SPD als auch zwischen Grüne und FDP, wohingegen die SPD mit den Grünen diesmal in keinem klaren Zusammenhang stehen.

Wo wird also die Entscheidung getroffen? Natürlich in ganz München – aber vor allem in den Stimmbezirken im Cluster 4, darunter einige im Stadtbezirk Sendling-Westpark.

[Bild 5 – JMP Multivariate Analyse: Korrelationsanalyse der fünf Kandidatenparteien nach Clustern der Stimmbezirke der Stadtratswahl 2008; Cluster 1,2,4 (links) und Cluster 3,5,6,7,8 (rechts), Ist ein moderater oder starker Zusammenhang zwischen zwei Parteien, tendieren die Daten in eine schräge steigende oder fallende Richtung, waagrechte, vertikale oder kreisförmige Verteilungen zweigen gering oder keine Abhängigkeit]

Es bleibt also interessant ob der Ude Bonus weiter wirkt. Ob die CSU, gestärkt durch die Landtags- und Bundestagswahlen, die Vorherrschaft der SPD in München ernsthaft gefährden kann. Oder gar eine Überaschung durch das Wählerverhalten in den Stimmbezirken, insbesondere für die kleineren Parteien, für Furore sorgen wird.

Mit diesen Betrachtungen wünsche ich Ihnen einen spannenden Wahlabend am 16. März in der gemütlichen Stadt mit Herz.

Tags Statistik
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About Author

Martin Demel

JMP Systems Engineer

Martin Demel ist ein Systems Engineer für JMP. Er ist hauptsächlich zuständig für die Betreuung von JMP und JMP Pro, insbesondere in für Kunden aus den Bereichen Finanzen, Energie, Herstellende Unternehmen, sowie Pharma. Zuvor arbeitete er sechs Jahre für The MathWorks, erst hauptsächlich im Bereich Automotive, anschließend für den Bereich Banken und Versicherungen. Martin Demel ist Diplom-Technomathematiker, erworben an der Technischen Universität in München. Während dem Studium arbeitete er als Werkstudent für die NEOMAN AG und MAN AG (Konstruktion und Berechnung), sowie für die IABG (Mechatronik). Mehr Informationen über JMP finden Sie hier: www.jmp.com/de

6 Comments

    • Martin Demel
      Martin Demel on

      Hallo Stefan, Dieter Reiter hat nur knappe 6% mehr Stimmen als Josef Schmid von der CSU. Die CSU konnte im Stadtrat die SPD als stärkste Partei ablösen. Das spricht für die CSU. Gleichzeitig gibt es seit Jahren eine auch in München starke politische Nähe der Grünen mit der SPD. Viele Grüne-Wähler werden wahrscheinlich lieber Dieter Reiter als Josef Schmid wählen. Mit Nallingers knapp 15% würde Reiter klar die Mehrheit schaffen. Es wird meines Erachtens schwer für Josef Schmid, trotz Rückenwind.

  1. Martin Demel
    Martin Demel on

    Die Wahl ist entschieden: An einem sonnigen Sonntag und einer Wahlbeteiligung von nur knapp unter 39% wurde Dieter Reiter mit 56,7% (vorläufiges Endergebnis) zum neuen Oberbürgermeister gewählt.

  2. Stefan Hauck
    Stefan Hauck on

    Vielen Dank, Martin - für deine prompte Reaktion und die Zusammenfassung der Ergebnisse der München.

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